Sicher E-Bike fahren: Tipps für die ersten Touren

Ein Pedelec unterstützt das Treten mit einem Motor. Dadurch fährt es sich anders als ein normales Fahrrad. Das Rad ist schwerer, beschleunigt kräftiger und reagiert beim Anfahren, Bremsen und in Kurven anders. Wer ohne Vorbereitung umsteigt, riskiert Stürze. 2023 waren 42 Prozent der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer mit einem Pedelec unterwegs, obwohl Pedelecs nur etwa 16 Prozent des Fahrradbestands in Deutschland ausmachten. Mit gezielten Übungen vor der ersten längeren Tour bringen Sie die wichtigsten Situationen sicher unter Kontrolle.

Warum das Fahren mit Motor anders ist

Die Motorunterstützung setzt ein, sobald Sie in die Pedale treten. Je nach Unterstützungsstufe schiebt der Motor kräftig an, oft stärker, als Anfänger erwarten. Die ADAC-Trainerin Silvia Barthel sagt, dass die Motorleistung oft unterschätzt wird und genau das zu Unfällen beim Anfahren und in Kurven führt. Hinzu kommt das hohe Gewicht: Ein Pedelec wiegt je nach Ausstattung deutlich mehr als ein normales Fahrrad. Dieses Gewicht müssen Sie beim Anfahren in Bewegung bringen, beim Bremsen abbauen und in Kurven kontrolliert führen.

Die Deutsche Verkehrswacht nennt Fahrfehler und Probleme beim Umgang mit dem E-Bike als häufige Unfallursachen, besonders bei älteren Menschen und bei Wiedereinsteigern, die lange kein Fahrrad gefahren sind. Wer zuvor nie ein motorisiertes Zweirad gefahren ist, hat laut ADAC-Trainerin Barthel ein besonders hohes Verletzungsrisiko. Der Grund: Die Motorunterstützung verlangt eine andere Fahrtechnik. Diese Technik müssen Sie erst lernen, bevor Sie sich in den Straßenverkehr begeben.

Sanft anfahren

Beim Anfahren mit einem Pedelec kommt es auf die Unterstützungsstufe an. Im höchsten Modus schiebt der Motor kräftig, sobald Sie das Pedal belasten. Wer dann kräftig in die Pedale tritt, schießt nach vorne und verliert unter Umständen die Kontrolle. Der ADAC empfiehlt für Anfahr- und Kurvensituationen den Eco-Modus, also die niedrigste Unterstützungsstufe. Dort reagiert der Motor sanfter, und Sie können die Geschwindigkeit besser kontrollieren.

Üben Sie das Anfahren auf einem leeren Platz, zum Beispiel einem Parkplatz am Sonntagmorgen. Stellen Sie sich mit einem Fuß auf den Boden, treten Sie das Pedal in eine günstige Position und setzen Sie den anderen Fuß auf. Treten Sie dann langsam an, ohne ruckartig Druck auf das Pedal zu geben. Wiederholen Sie das mehrfach, bis Sie ein Gefühl dafür haben, wie stark der Motor in der gewählten Stufe beschleunigt. Steigern Sie sich dann schrittweise: Erst im Eco-Modus, später in einer höheren Stufe. So lernen Sie, die Motorleistung einzuschätzen, bevor Sie im Straßenverkehr darauf angewiesen sind.

Beide Bremsen nutzen

Beim Bremsen wirkt das hohe Gewicht des Pedelecs gegen Sie. Der Bremsweg ist länger als bei einem leichten Fahrrad, besonders bei höheren Geschwindigkeiten. Entscheidend ist, dass Sie beide Bremsen gleichzeitig betätigen: die Vorderradbremse am linken Bremshebel und die Hinterradbremse am rechten. Bremst nur die Vorderradbremse, kann das Vorderrad blockieren und Sie stürzen über den Lenker. Bremst nur die Hinterradbremse, verlängert sich der Bremsweg deutlich.

Üben Sie das Bremsen ebenfalls auf dem leeren Platz. Fahren Sie langsam an, bremsen Sie kontrolliert ab und kommen Sie vollständig zum Stehen. Verlagern Sie dabei Ihr Gewicht nach hinten, indem Sie das Gesäß leicht vom Sattel heben und den Oberkörper aufrichten. So bleibt das Hinterrad entlastet und das Vorderrad bekommt genug Bodenhaftung. Wiederholen Sie das aus verschiedenen Geschwindigkeiten, bis Sie ein Gefühl dafür haben, wie viel Kraft die Bremsen benötigen. Wichtig ist auch: Bremsen Sie immer mit beiden Händen am Lenker, niemals einhändig.

Vor der Kurve bremsen

In Kurven ist die Motorunterstützung ein doppeltes Risiko. Zum einen unterschätzen viele Fahrer die Geschwindigkeit, mit der das Pedelec in die Kurve fährt. Zum anderen setzt der Motor beim Treten in der Kurve zusätzlichen Schub, der das Vorderrad aus der Spur drücken kann. Die Grundregel lautet: Reduzieren Sie die Geschwindigkeit vor der Kurve, nicht in der Kurve. Bremsen Sie also ab, bevor Sie einlenken, und treten Sie in der Kurve nicht kräftig in die Pedale.

Für Kurvenübungen eignet sich ein großer, ebener Platz mit viel Raum. Fahren Sie einen großen Kreis mit geringer Geschwindigkeit und verkleinern Sie den Radius nach und nach. Achten Sie dabei auf Ihre Blickführung: Schauen Sie dorthin, wo Sie hinfahren möchten, nicht auf das Vorderrad. Der Körper folgt dem Blick automatisch. Fahren Sie die Runden zuerst im Eco-Modus, dann mit höherer Unterstützung. So spüren Sie, wie der Motor das Fahrverhalten in der Kurve verändert, und lernen, die Geschwindigkeit rechtzeitig anzupassen.

Übungsprogramm vor der ersten Tour

Bevor Sie sich auf eine längere Tour begeben, sollten Sie die Grundfertigkeiten an einem ruhigen Ort trainieren. Ein leeres Parkplatz, ein verkehrsarmer Feldweg oder ein Hof eignen sich dafür. Planen Sie ein bis zwei Übungseinheiten ein. Das ADAC-Fahrsicherheitstraining für Pedelecs umfasst diese Elemente: kleine Runden fahren, Auf- und Absteigen, Bremsen und Anfahren.

Ein sinnvoller Ablauf für Ihre Übungseinheit:

  • Lesen Sie zuerst die Bedienungsanleitung Ihres Pedelecs. Verstehen Sie, wie die Unterstützungsstufen funktionieren, wie Sie den Akku laden und wo sich die Bremsen befinden.
  • Stellen Sie die Sitzposition richtig ein. Der Sattel sollte so hoch sein, dass Sie im Sitzen mit leicht gebeugtem Knie auf das Pedal kommen. Der Lenker sollte eine aufrechte, entspannte Haltung ermöglichen.
  • Üben Sie das Auf- und Absteigen mehrfach. Stellen Sie das Rad ab, schwingen Sie das Bein über den Rahmen und setzen Sie sich auf. Beim Absteigen halten Sie das Rad fest und stellen beide Füße sicher auf den Boden.
  • Fahren Sie kleine Runden mit niedriger Geschwindigkeit und üben Sie dabei Anfahren, Bremsen und Kurven wie oben beschrieben.
  • Steigern Sie die Unterstützungsstufe erst, wenn Sie sich in der niedrigsten Stufe sicher fühlen.

Erst wenn Sie diese Übungen ohne Unsicherheit absolvieren, sollten Sie sich in den Straßenverkehr begeben. Starten Sie dort mit kurzen, vertrauten Strecken bei gutem Wetter und geringem Verkehrsaufkommen. Vermeiden Sie anfangs steile Abfahrten, enge Kurven und Kopfsteinpflaster. Mit jeder Tour wächst die Routine, und die Motorunterstützung wird vom ungewohnten Schub zur normalen Fahrhilfe.